
Im August 2025 hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) die “S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung” veröffentlicht. Viele Organisationen – unter ihnen mehrere Selbsthilfeorganisationen intergeschlechtlicher Menschen – kritisieren diese Leitlinien als pathologisierend. So wird in der gesamten Leitlinie eine pathologisierende Sprache verwendet, z.B. wenn von Diagnosen geschrieben und somit Intergeschlechtlichkeit klar unter die Deutungshoheit der Medizin gestellt wird. Besonders gravierend sind die Operationsempfehlungen für nichteinwilligungsfähige Säuglinge und Kinder bei einigen körperlichen Besonderheiten, verbunden mit der Verharmlosung („Korrektur“, „kleine Eingriffe“) dieser Operationen. Dabei wird verschleiert, dass diese Operationen oft rein kosmetisch sind und keine medizinische Notwendigkeit haben. Handlungsleitend sei “ein gutes funktionelles Ergebnis im Sinne einer Miktion im Stehen und der Erektionsfähigkeit”. Damit sollen also die Operationen an nichteinwilligungsfähigen Kindern gerechtfertigt werden, obwohl sogar in der Leitlinie die hohen Komplikationsraten dieser Operationen erwähnt wird. Es ist offensichtlich, dass mit dieser Begründung ein binär heteronormatives Weltbild gefestigt wird.
Die Laufrichtung der Leitlinie scheint klar zu sein: Weg von Selbstbestimmung und Empowerment, hin zu Pathologisierung und Normierung. Damit steht die Leitlinie im Konflikt mit dem sog. OP-Verbot (§1631e BGB „Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“), das die Einwilligung in eine „Behandlung eines nicht einwilligungsfähigen Kindes mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung einzuwilligen, die, ohne dass ein weiterer Grund für die Behandlung hinzutritt, allein in der Absicht erfolgt, das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an das des männlichen oder des weiblichen Geschlechts anzugleichen“ verhindern soll.
In den letzten Jahren ist die Gesellschaft einige wichtige Schritte in Richtung Anerkennung von intergeschlechtlichen Menschen und ihrer Körper gegangen. Es ist verheerend, dass diese Leitlinie nun einige Schritte zurück geht, anstatt sich klar zu einer Vielfalt der Körper und Geschlechtsidentitäten zu bekennen.
Eine ausführliche Stellungnahme zur Leitlinie wurde von TransInterQueer e.V. veröffentlicht und auch vom Queeren Netzwerk Niedersachen e.V. unterzeichnet: https://www.transinterqueer.org/wp-content/uploads/2026/01/Stellungnahme_LeitlinienVdG.pdf
Ein Gastkommentar zur Leitlinie aus dem Vorstand von TransInterQueer e.V. ist zudem auf Queer.de erschienen: https://www.queer.de/detail.php?article_id=56598



















Queeres Netzwerk Niedersachsen e.V.