Stellung­nahme zur neuen Richt­linie des Inter­na­tio­nalen Olympi­schen Komitees (IOC) für Sport­le­rinnen

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IOC Policy on the Protection of the Female (Women’s) Category in Olympic Sport and Guiding Conside­ra­tions for Inter­na­tional Federa­tions and Sports Governing Bodies

Stand: Mai 2026

Am 26. März veröf­fent­lichte das Inter­na­tionale Olympische Komitee (IOC) eine neue Richt­linie für Sport­le­rinnen. Die Richt­linie mit dem Namen IOC Policy on the Protection of the Female (Women’s) Category in Olympic Sport and Guiding Conside­ra­tions for Inter­na­tional Federa­tions and Sports Governing Bodies regelt die Teilnahme an inter­na­tio­nalen Frauen-Wettbe­werben und gibt gleich­zeitig Empfeh­lungen für inter­na­tionale Verbände und Sport­fach­ver­bände. Um an olympi­schen Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen, müssen sich Sport­le­rinnen nun einem Gentest unter­ziehen, der den Chromo­so­mensatz überprüft. Nur Sport­le­rinnen, die diese Überprüfung erfolg­reich absol­vieren, erhalten die Start­erlaubnis. Für alle anderen Sport­le­rinnen bedeutet dies ein Ausschluss.

Begründet wird dieser Schritt vom IOC mit dem Schutz der „Frauen-Kategorie“ vor „biolo­gi­schen Männern“, da diese einen angeb­lichen Leistungs­vorteil in Sport­arten und Diszi­plinen haben, bei denen es auf Kraft, Schnell­kraft und/oder Ausdauer ankomme. So soll die neue Richt­linie „Fairness, Sicherheit und Integrität im Spitzen­sport zuver­lässig gewähr­leisten“.

Die Teilnah­me­be­rech­tigung in der Frauen-Kategorie soll ab sofort auf Basis eines Scree­nings nach dem SRY-Gen vergeben werden, das in der Richt­linie als Beweis über das „biolo­gische Geschlecht“ gewertet wird. Biolo­gische Geschlechts­ent­wicklung kann jedoch nicht allein durch das SRY-Gen bestimmt werden. Der Entdecker des zu scree­nenden SRY-Gens Andres Sinclair selbst kriti­siert die Verwendung des Tests für die Zugangs­be­rech­tigung im Sport scharf: metho­disch sei der SRY-Test zu verein­facht und zudem fehler­an­fällig.

Die neue Richt­linie löst das 2021 verab­schiedete IOC Framework on Fairness, Inclusion, and Non-Discri­mi­nation on the Basis of Gender Identity and Sex Varia­tions 4 ab. Während das Framework auf drei grund­le­genden Werten der Olympi­schen Bewegung beruht – Fairness, Inklusion und Nicht-Diskri­mi­nierung – entfernt sich das IOC mit der neuen Richt­linie von die-sen Grund­werten des Sports. Statt­dessen behandelt das IOC Fairness und Inklusion als ge-gensätz­liche Prinzipien. Es repro­du­ziert und verstärkt damit genau die Spaltung, die das ur-sprüng­liche Framework als Problem beschrieb.

Grund­sätzlich wider­spricht die unein­ge­schränkte Annahme, dass allein das „biolo­gische“ Geschlecht für Leistungs­un­ter­schiede verant­wortlich ist, dem aktuellen wissen­schaft­lichen Konsens. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass die derzei­tigen Erkennt­nisse zwar begrenzt sind, jedoch keine pauschalen Verbote recht­fer­tigen, die auf der Annahme beruhen, dass trans* Frauen gegenüber cis Frauen im Sport einen angebo­renen Vorteil hätten. Darüber hinaus ignoriert die Richt­linie, dass es mehr als zwei biolo­gische Geschlechter und Menschen mit Varianten der Geschlechts­ent­wicklung gibt. So ist in Deutschland seit 2019 der Geschlechts­eintrag ‚divers‘ oder ‚keine Angabe‘ möglich.

In der neuen Richt­linie beruft sich das IOC immer wieder auf vermeintlich eindeutige aktuelle wissen­schaft­liche Erkennt­nisse, aller­dings wird keine dieser Quellen referen­ziert. Weiterhin ist nicht nachvoll­ziehbar, wer Teil der Working Group war, wie diese gearbeitet hat und wie der Review­prozess des bishe­rigen Frame­works vonstat­tenging.

Als Queeres Netzwerk NRW und Queeres Netzwerk Nieder­sachsen beobachten wir diese Entwick­lungen kritisch. Die zugrunde gelegten Annahmen sind wissen­schaftlich nachweislich überholt und bergen erheb­liche Risiken: Denn verpflich­tende genetische Scree­nings greifen tief in die körper­liche Selbst­be­stimmung ein und können Stigma­ti­sierung, Diskri­mi­nierung und Ausgrenzung zur Folge haben. Sie reduzieren Geschlecht auf einen einzelnen biolo­gi­schen Marker und ignorieren geschlecht­liche Vielfalt sowie die Komple­xität geschlecht­licher Entwicklung und damit die Lebens­rea­li­täten von inter*, trans* und nicht-binären Menschen. Die Policy hat zudem eine erheb­liche Vorbild­wirkung über den Leistungs­sport hinaus: Sie setzt Standards und Narrative, die in den Breiten- und Vereins­sport ausstrahlen und damit auch in Deutschland konkrete Auswir­kungen auf die Teilhabe und Sicherheit queerer Menschen im Sport­alltag hat.

Zugleich unter­läuft die Regelung zentrale sport­ethische und menschen­recht­liche Prinzipien wie Teilhabe, Nicht-Diskri­mi­nierung und körper­licher Unver­sehrtheit. Statt Fairness zu stärken, repro­du­ziert sie ausschlie­ßende Struk­turen und biolo­gis­tische Verein­fa­chungen.

Als Queeres Netzwerk NRW und Queeres Netzwerk Nieder­sachsen fordern wir sowohl das IOC als auch inter­na­tionale Sport­ver­bände dazu auf, diese Richt­linie grund­legend zu überar-beiten und einen Rahmen zu entwi­ckeln, der wissen­schaft­liche Evidenz in Hinsicht auf ge-schlecht­liche Vielfalt ernst­nimmt und Menschen­rechte schützt.

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